06.04.2025

Keine Barrierefreiheits-Dystopie!

Barrierefreiheit in PDFs und Webdesign

Wenn wir für öffentliche Auftrag­geber gestalten, halten wir uns an die gesetz­lichen Vor­gaben zur digitalen Barriere­freiheit. Seit Juni 2025 gelten diese Anforderungen auch für viele private Unter­nehmen, etwa im E-Commerce oder bei web­basierten Angeboten für Verbraucher. In der Praxis begegnen uns dabei immer wieder gut gemeinte Vor­stellungen, die gestalterisch oft fragwürdig sind.

Barrierefreiheit nach Checkliste?

In unseren Projekten haben wir oft erlebt, wie gut gemeinte Vorgaben die Ergebnis­qualität einschränken: »Bitte Arial verwenden, Zeilen­abstand 1,5, mindestens 12 pt Schriftgröße – besser noch größer.« Solche Vorgaben greifen zwar Grund­gedanken der Barriere­freiheit auf, übersehen aber, dass für eine gute Gestaltung mehr gebraucht wird: Vielfalt, Differenzierung und einen respektvollen Umgang mit Inhalten.

Monotone Typografie hilft niemandem

Auch Menschen mit Einschränkungen leiden unter schlechter Typo­grafie, insbesondere bei Ver­stößen gegen Lese- und Detail­typografie. Eine Welt aus 12 pt Arial mit 1,5er-Zeilen­abstand wäre nicht nur trist, sondern auch keine sinnvolle Lösung. Wenn Barriere­freiheit bedeutet, auf gestalterische Qualität zu verzichten, dann ist das eine Sack­gasse, keine Lösung.

Illustrationen stützen Leichte Sprache

Wir empfehlen auch, mehr hoch­wertige Illu­strationen für Leichte Sprache einzusetzen. Doch oft wirken die ver­fügbaren Bilder stereotyp oder lieb­los. Ein Beispiel: Bei der barriere­freien Überarbeitung der Haus­ordnung für die Gefängnisse in Schleswig-Holstein machten die Inhaftierten selbst darauf auf­merksam, wie diskriminierend die bisherigen Illustrationen wirkten. Wir ent­wickelten daraufhin Bild­material, das Menschen respektvoll darstellt.

Unsere Vision

  1. Echtzeit-Anpassung durch KI: Web­seiten reagieren flexibel auf individuelle Bedürfnisse – von Kontrasten über Schrift­größen bis zur Sprach­ebene, etwa durch Gebärdensprach-Avatare oder inklusives Wording.
  2. Einheit statt Parallel­welten: Statt separater barriere­freier Versionen gibt es einheitliche, intelligente Inter­faces, die sich flexibel anpassen. Screen­reader lesen nicht mehr nur »Alternativ­texte« vor, sondern interpretieren Inhalte kontext­sensitiv.
  3. Sprachvielfalt & kulturelle Zugänglichkeit: Barriere­freiheit wird nicht nur technisch gedacht. Auch inter­kulturelle Verständlichkeit spielt eine Rolle: Formulare, Symbole, Videos, Texte und Kommunikations­formen sind so gestaltet, dass sie von Menschen unterschied­lichster Herkunft intuitiv verstanden werden.

Buchempfehlung »Gutes Design für Leichte Sprache«

Ein überzeugendes Grund­lagenwerk für alle, die Gestaltung und Barriere­freiheit zusammen denken. Besonders lesens­wert: Das Kapitel »Schrift­wahl für Leichte Sprache – Leichte Texte leser­lich gestalten«.

Es zeigt, wie Typografie Ver­ständlichkeit fördern kann und trotzdem gestalterisch hochwertig bleibt.

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