Keine Barrierefreiheits-Dystopie!
Barrierefreiheit und gute Gestaltung sind kein Widerspruch.
Wenn wir für öffentliche Auftraggeber gestalten, gehört digitale Barrierefreiheit selbstverständlich zur Aufgabe. Seit dem 28. Juni 2025 gelten entsprechende Anforderungen auch für bestimmte Produkte und Dienstleistungen privater Unternehmen.
In der Praxis begegnen uns dabei immer wieder gut gemeinte Regeln, die Barrierefreiheit auf Schriftgröße, Schriftart oder Zeilenabstand reduzieren.
Barrierefreiheit nach Checkliste?
»Bitte Arial verwenden, Zeilenabstand 1,5, mindestens 12 pt Schriftgröße – besser noch größer.«
Solche Vorgaben begegnen uns tatsächlich. Sie greifen einzelne Aspekte guter Lesbarkeit auf. Aber Barrierefreiheit entsteht nicht dadurch, Gestaltung auf möglichst wenige Möglichkeiten zu reduzieren.
Lesbare Typografie und ausreichende Kontraste gehören dazu. Ebenso eine Struktur, die Informationen verständlich ordnet. Gleichzeitig dürfen Inhalte unterschiedlich aussehen und ihrer Bedeutung entsprechend gestaltet werden.
Monotone Typografie hilft niemandem
Auch Menschen mit Einschränkungen profitieren nicht von schlechter Typografie. Eine Welt aus 12 pt Arial mit 1,5-fachem Zeilenabstand wäre nicht automatisch barrierefrei – nur ziemlich monoton.
Die interessantere Frage ist deshalb: Wie können wir Zugänglichkeit und gestalterische Qualität zusammen denken?
Leichte Sprache braucht gute Bilder
Das gilt auch für Illustrationen. Gerade bei Leichter Sprache können Bilder helfen, Inhalte verständlicher zu machen. Trotzdem begegnen uns dort häufig stereotype oder lieblose Darstellungen.
Bei der Überarbeitung der Hausordnung für die Gefängnisse in Schleswig-Holstein machten Inhaftierte selbst darauf aufmerksam, dass sie die bisherigen Illustrationen als diskriminierend empfanden.
Wir entwickelten daraufhin eine neue Bildwelt. Nicht trotz der Anforderungen an Verständlichkeit, sondern gerade deshalb.
Barrierefreiheit als Teil des Designs
Interessant wird es, wenn Barrierefreiheit nicht nachträglich über eine Gestaltung gelegt wird, sondern von Anfang an Teil des Systems ist.
Digitale Anwendungen können unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen: Kontraste und Schriftgrößen lassen sich anpassen, Inhalte können auf unterschiedlichen Sprachebenen angeboten werden und assistive Technologien entwickeln sich weiter.
Die Aufgabe für Gestaltung wird dadurch nicht kleiner. Im Gegenteil: Je unterschiedlicher die Bedürfnisse der Menschen sind, desto genauer müssen wir darüber nachdenken, wie Informationen funktionieren.
Buchempfehlung »Gutes Design für Leichte Sprache«
Ein gutes Grundlagenwerk für alle, die Gestaltung und Barrierefreiheit zusammen denken. Besonders interessant ist das Kapitel »Schriftwahl für Leichte Sprache – Leichte Texte leserlich gestalten«.
Es zeigt sehr konkret, dass Verständlichkeit und gestalterische Qualität keine Gegensätze sein müssen.